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ForumLiteraturVirtuelle-Realität
Virtuelle-Realität - geschrieben am 27.12.2010 - 21:17

Level 1 Themenstarter
Es ist kein Zufall, daß Sie diesen Text in die Hände bekommen haben. Es wurden bestimmte Umstände erzeugt, damit Sie eines Tages zwangsläufig auf diesen Text stoßen werden. Was Sie jetzt erfahren, werden Sie mir zuerst nicht glauben wollen. Es ist auch erst einmal gut so, daß Sie daran zweifeln, denn der Schock wäre zu groß. Es ist besser, Sie erfahren es aus dem nachfolgenden zweifelhaften Text, als wenn man Sie direkt mit der Wahrheit konfrontieren würde. Einmal müssen Sie es sowieso erfahren. Jeder erfährt es irgendwann in seinem Leben: Die Welt, in der Sie leben, ist nur eine virtuelle Realität! Ich muß Ihnen erklären, wie Sie da hineingeraten sind.


Sie können sich sicherlich vorstellen, welchen Weg die technische Entwicklung der virtuellen Realität (VR) in den letzten Jahrhunderten eingeschlagen hat. Anfangs konnte man lediglich den Augen und dem Gehör eine künstliche Umgebung vortäuschen, später kamen auch die anderen Sinne hinzu. Zuerst waren es nur spezielle Helme, später dann Ganzkörperanzüge, welche die Illusion einer künstlichen Welt perfektionieren konnten. Letztlich war man sogar in der Lage, Einfluß auf die Nervenbahnen zu nehmen und die Sinneswahrnehmungen direkt ins Bewußtsein zu projizieren.
Weiterhin ist es heutzutage möglich, Erinnerungen aus - oder einzublenden, so daß man überhaupt nicht mehr weiß und feststellen kann, ob die Umgebung nun real oder virtuell ist - und das für Stunden, Tage, Jahre oder für die scheinbare Zeitdauer eines ganzen Lebens. Genauso wie Sie sich am Abend einen Spielfilm ansehen, schließen wir uns heutzutage an eine VR-Maschine an. Sie befinden sich im Augenblick auch an einem solchen Gerät. Solcherlei Szenario kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Diese Bücher und Filme, an welche Sie jetzt denken, waren dazu da, Sie langsam auf die Wahrheit vorzubereiten.


Sie befinden sich also in einer virtuellen Realität. Wozu das Ganze? Hierzu sind einige Vorbetrachtungen erforderlich. Unsere heutige reale Welt sieht wesentlich anders aus, als dies in Science-Fiction-Erzählungen Ihrer virtuellen Welt oftmals beschrieben wird. Die heutige reale Welt wäre aus Ihrer Sicht das Paradies. Man bräuchte nur daran zu denken und im nächsten Augenblick wäre fast jeder Wunsch erfüllt. Man hat alles. Für alles gibt es Roboter, Automaten und entsprechende Technologien. Arbeit ist nicht mehr notwendig. Aber ausgerechnet diese Problemlosigkeit ist das Problem. Es ist nicht mehr notwendig zusammenzuarbeiten, zwischenmenschliche Beziehungen herauszubilden, zu denken, zu lernen und sich anzustrengen. Man kann den Wert des Lebens nicht schätzen, wenn man nicht eine Vorstellung davon bekommt, was das Gegenteil bedeutet. Degeneration drohte also. Aber wir haben das Problem in den Griff bekommen. Ein wichtiges Mittel hierfür war die Methode der virtuellen Realität (VR). Mit Hilfe der VR soll man also lernen zu leben. Das ist der ganze Sinn. Wir haben in der virtuellen Welt gelernt, wieder ein normales Leben in dieser realen Welt zu führen. Zuerst haben wir in der VR trainiert und es dann später auf die reale Welt übertragen. Wir begannen schließlich in unserer realen Welt, wie in alten Zeiten, Dinge selber herzustellen und zu gestalten und dabei unseren Verstand und unsere Phantasie zu gebrauchen. Wir waren zur Zusammenarbeit gezwungen und haben gelernt, wieder miteinander umzugehen. Natürlich benutzen wir auch weiterhin sämtliche technische Hilfsmittel, aber um Mensch zu bleiben, muß man auch lernen, teilweise ohne sie auszukommen. Zugegeben, in der VR erleben wir zur Unterhaltungszwecken oftmals die verrücktesten Abenteuer - auch solche, welche Ihr Vorstellungsvermögen sprengen würden. Aber im allgemeinen führen wir ein ganz normales Leben. Vielleicht hätten wir es auch ohne VR geschafft. Aber dieses Hilfsmittel stand nun einmal zur Verfügung und Sie sitzen jetzt mittendrin.


Es könnte also durchaus sein, daß Sie im Augenblick in einem unserer Freizeitzentren an einer VR-Maschine sitzen. Ihre früheren Erinnerungen wurden zeitweilig ausgeblendet - solange gewissermaßen der "Film" läuft. Subjektiv vergehen dann Jahrzehnte, aber in Wirklichkeit sind es beispielsweise nur 90 Minuten. Wenn Sie schließlich aus Ihrem virtuellen Traum erwachen, fließen die neuen Erfahrungen in Ihre ursprüngliche Persönlichkeit ein. Dies wäre durchaus möglich.


Aber gehen Sie stattdessen mal davon aus, daß Sie in diese virtuelle Realität hineingeboren wurden. Daß Sie wirklich Sie selbst sind. Die Menschen der Zukunft haben sich dazu entschieden, ihre Kinder in einer eigenen, problemorientierten Umgebung aufwachsen zu lassen.


Die ersten Lebensjahre sind die wichtigsten. Ihre nächsten Verwandten und Bekannten sind auf jeden Fall diejenigen, als welche sich diese ausgeben - unabhängig davon, ob diese von der virtuellen Realität wissen oder nicht. Ihre virtuelle Welt wurde der damaligen Welt exakt nachgestaltet und alle historischen Ereignisse fanden auch tatsächlich statt. Sie merken also, so virtuell ist Ihre Welt gar nicht. Sie entspricht der damaligen realen Welt. Nebenbei können Sie also die Geschichte kennenlernen. Warum wurde ausgerechnet der Beginn des dritten Jahrtausends für Sie ausgewählt? Es war wichtig, daß Sie Ihre Welt zunächst einmal für real gehalten haben. Hätte man Sie in die Welt eines späteren Jahrhunderts versetzt, in eine Zeit in welcher die virtuelle Realität zu einer technischen Selbstverständlichkeit geworden wäre, dann wären Sie schon relativ frühzeitig zu der Überzeugung gekommen, daß Ihre Welt nicht real ist und Sie hätten vielleicht das Interesse verloren, Ihr Leben ernsthaft zu meistern. Und diese Ernsthaftigkeit ist für die frühe Entwicklung wichtig. Auch ein früheres Jahrhundert wäre nicht günstig gewesen. Hätte man beispielsweise das Mittelalter gewählt, so wäre für Sie der Eintritt in die reale Welt ein Kulturschock gewesen. Während Ihres virtuellen Lebens soll Ihnen nämlich langsam und allmählich ein Licht aufgehen, daß das Leben eben virtuell ist, sonst könnten Sie den Übergang in die reale Welt nicht unbeschadet überstehen. Es bleibt also nur ein Zeitabschnitt übrig. Der Beginn des Informationszeitalters ist für einen langsam aufkommenden Zweifel an der Echtheit der Welt am besten geeignet. Es ist außerdem eine Zeit, in welcher man am meisten lernen kann und welche am meisten zum Nachdenken und zur Aktivität anregt, weil es so viele offene Fragen, anstehende Entscheidungen, Umbrüche, Probleme und Konflikte gibt. Arm und Reich, Krieg und Frieden, Neues und Altes, verschiedene Kulturen und vieles mehr existieren in dieser Zeit nebeneinander im Einklang und im Gegensatz. Solch eine Konstellation wird es später nicht mehr geben. Versuchen Sie so viel wie möglich davon mitzubekommen. Vielleicht können Sie jetzt dieser verrückten Zeit, in der Sie leben, zum ersten Mal etwas Positives abgewinnen.


Es soll hier auch nicht alles verraten werden, denn ich möchte Ihnen ja nicht den Spaß verderben, mit der neuen Situation fertig zu werden. Aber ein paar Anregungen und Tips sollen Ihnen trotzdem noch mit auf den Weg gegeben werden. Sie müssen sich über eines im klaren sein: Beim Eintritt in die reale Welt werden sich Ihr (möglicher) Reichtum, Ihr Geld, Ihre Privilegien und Ihre Position auf der Karriereleiter augenblicklich in Luft auflösen. Sie werden es nicht dorthin mitnehmen können. Man wird Sie wahrscheinlich mitleidig belächeln, falls Sie auf Ihrem "Recht" bestehen. Man wird Sie vielleicht darauf hinweisen, daß Sie irgend etwas nicht richtig verstanden haben in diesem Spiel. Sie haben gewissermaßen eine niedrige Punktzahl erreicht. Man wird Ihnen empfehlen, ein weiteres virtuelles Leben anzutreten (vielleicht ohne das Ausblenden Ihrer bisherigen Erinnerungen). Damit hier kein Mißverständnis aufkommt: Nichts gegen Geld usw. Sie können es nur nicht mitnehmen. Es ist eben Spielgeld. Entscheidend ist, was man daraus macht. Sie können es in etwas Nützliches investieren und Sie können es auch zur Ihrer eigenen Verblödung einsetzen.


Das einzige, was Sie in das spätere reale Leben mitnehmen können, werden Ihre Erinnerungen sein und Ihre Fähigkeiten sowie Ihr Charakter und die Beziehungen, welche Sie zu anderen Menschen aufgebaut haben. Diese Dinge sind sozusagen Ihr einziges Eigentum. Und daran müssen Sie arbeiten - dies ist ja auch der Sinn Ihres Aufenthalts in der virtuellen Realität.


Das Beste habe Ich Ihnen ja noch gar nicht gesagt, aber Sie hätten es sich ja auch denken können: Sie werden beobachtet. Sie glauben zwar, daß sie in einer schwierigen Situation allein dastehen, aber das stimmt nicht. Wir fiebern mit Ihnen und drücken Ihnen die Daumen! Meist sind es nur wenige, die zuschauen, manchmal sind es sogar Tausende oder Millionen. Wir möchten doch auch etwas aus Ihren Erfolgen lernen - und vor allem aus Ihren Fehlern. Zwangsläufig - sozusagen aus technischen Gründen - können wir auch Ihre Gedanken lesen und uns vollständig in Sie hineinversetzen und mit Ihnen mitfühlen.


Bleiben Sie Zeit Ihres Lebens in Zweifel darüber, ob Ihre Welt wirklich virtuell ist! Es ist die einzige Möglichkeit, das Leben ernst zu nehmen. Auch wenn Sie überzeugt sind, daß es virtuell ist, tun Sie bitte so, als wenn sie glaubten, es sei real. Kleine Dummheiten können Sie machen, wenn es niemanden schadet - Sie sollen auch in die zahlreich ausgestreuten Fettnäpfchen treten, um daraus zu lernen - aber begehen Sie niemals eine große Dummheit! Wir haben dafür gesorgt, daß dies hart bestraft wird. Sie haben bereits gemerkt, daß Sie Schmerzen empfinden können. Das soll keine Drohung sein. Nicht wir sind es, die Sie bestrafen, sondern es ist das originalgetreu simulierte virtuelle Leben. Ihre virtuelle Welt wurde so real gestaltet, daß sie sich in nichts von einer realen Welt unterscheidet. Sie sollen die Welt sowohl ernst nehmen als auch als Spiel betrachten. Das Leben ist also ein ernsthaftes Spiel.


Sie haben sich große Ziele gesetzt in Ihrem Leben? Versuchen Sie diese zu erreichen! Aber Sie wissen jetzt: Es ist jetzt nicht mehr notwendig, sich selbst jeden Tag Fußtritte zu versetzen, weil die Verwirklichung noch in weiter Ferne liegt. Die tägliche Kleinarbeit ist viel wichtiger und interessanter als der kurze Augenblick des Erreichens eines Ziels. Der Weg zum Ziel ist wichtiger als das Ziel selbst. Nur auf dem Weg dorthin können Sie etwas für Ihr Leben lernen.


Vielleicht sind Sie in Ihrer Welt der einzige Mensch, welcher bisher nichts von der Virtualität der Welt wußte. Diese Welt wurde sozusagen nur für Sie erschaffen. Ihre Bekannten und Verwandten und all die anderen Menschen, mit welchen Sie direkt interagieren, sind natürlich echt. Diese haben sich in die virtuelle Realität eingelinkt und spielen lediglich ein Rollenspiel.
Möglicherweise gibt es aber in Ihrer Welt noch sehr viele andere Lernende. Die Welt ist also eine Mischung aus unwissend Lernenden, aus (wie Sie jetzt) wissend Lernenden, aus Rollenspielern und aus computersimulierten Statisten.


Eine typische Lebenssituation: Jemand provoziert Sie. Er versucht, mit Ihnen auf unangenehme Art zu kommunizieren. Es könnte sich also lediglich um einen Rollenspieler handeln, welcher Sie in eine Test - oder Bewährungssituation versetzen will. Sie möchten an dieser Stelle vielleicht beginnen, den Provokateur auszulachen. Aber das dürfen Sie nicht! Es wäre schlecht gespielt. Sie müssen so tun, als würden Sie den anderen ernst nehmen. Allerdings können Sie sich jetzt - ohne von negativen Emotionen geplagt zu werden - sachlich auf die Lösung des Konflikts konzentrieren. Sie werden feststellen, daß es viele Konflikte gar nicht wert sind, gelöst zu werden. Auch das höfliche Ignorieren muß trainiert werden. Aber bei ebenso vielen Problemen sollte man sich um eine Lösung bemühen. Man hat jetzt seinen Verstand frei. Der Lügner beispielsweise will Ihnen vielleicht nur zeigen, wie wertvoll die Wahrheit ist. Der Schwache möchte Sie zur Hilfsbereitschaft anhalten. Der Rücksichtslose will Sie anregen, etwas gegen ihn zu unternehmen. Der Dumme möchte Ihnen lediglich Ihr eigenes Spiegelbild vorhalten. Ihre Mitmenschen könnten also Rollenspieler aus unserer realen Welt sein und könnten deshalb alles über Sie wissen - auch Ihre tiefsten Geheimnisse. Dieses Wissen ist oftmals notwendig, um gezielt auf Ihre Schwachstellen eingehen zu können. Wir sind natürlich sehr tolerant und stehen in Wirklichkeit alle auf Ihrer Seite. Beruhigend, nicht wahr?


Wie gesagt, ich habe Sie lange Zeit beobachtet, mir Notizen gemacht und diese ausgewertet. Ich bin leider gezwungen, direkt zu Ihrer Person noch etwas zu sagen. Mit Ihnen stimmt etwas nicht! Das Denken ist nicht ganz in Ordnung. Ausgerechnet das Denken - wo es doch so wichtig ist! Denken ganz allgemein - vor allem im Alltag. Sie denken zu schnell - Sie hinterfragen zu wenig. Das ist Ihr Fehler. Daraus resultieren viele andere kleine Dummheiten, welche Sie begehen. Ja, ja - Sie bemühen sich. Aber es reicht nicht aus! Sie glauben mir nicht? Dann werde ich Ihnen ein einfaches Beispiel nennen: Haben Sie sich in der Vergangenheit schon einmal gefragt, ob das, was Sie wahrnehmen, wirklich existiert? Hätten Sie jemals ernsthaft über diese Frage nachgedacht, dann wären Sie selber darauf gekommen, daß diese Welt auch virtuell sein könnte. Aber nein, ich bin gezwungen, Ihnen alles erst mühsam zu erklären. Und Sie kapieren es immer noch nicht so richtig. Wir müssen also einige Denkübungen durchführen. Dazu eignet sich am besten eine knifflige und gleichzeitig sehr wichtige Frage. Die Frage lautet: Was erwarten wir von Ihnen nach Ihrem Eintritt in die reale Welt? Man hat Ihnen beigebracht, schnell zu sein. Aber das ist nicht immer gut so! Nehmen Sie sich den Rest Ihres virtuellen Lebens Zeit, um diese Frage zu beantworten!


Wie sollte man mit schweren Schicksalsschlägen umgehen, die das Leben einem bereitet? Lernen Sie zu trauern und hassen. Lernen Sie, sich zu beherrschen. Und lernen Sie zu lieben.
Sie sind jetzt ein Wissender. Ihr Leben ist ein Rollenspiel. Probieren Sie viele Rollen aus. Versuchen Sie sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Benutzen Sie Ihre Phantasie!
Lernen Sie, die Welt wieder mit den Augen eines Kindes zu sehen. Das Leben fängt jetzt erst an.
Jetzt werde ich Sie erst einmal wieder für ein paar Jahre allein lassen. Vielleicht melde ich mich irgendwann wieder - ganz unerwartet.


Sie glauben jetzt an die virtuelle Realität? Dann muß ich Sie enttäuschen. Ich habe mir alles nur ausgedacht. Ihr Leben ist real. Darf man solch einen Text veröffentlichen? Angenommen, man glaubt ein ganzes Leben lang an eine virtuelle Welt, obwohl alles real ist. Na und? Dann hätte man eben sein ganzes Leben spielend bewältigt, Spaß gehabt und vor allem viel Nützliches getan - wesentlich mehr als manch andere Leute, welche das Leben krampfhaft ernst nehmen. Ob real oder virtuell - die Schlußfolgerungen sind im wesentlichen gleich: man soll an sich selbst arbeiten und die Welt mitgestalten, aber das Leben auch als ein Spiel betrachten.


Sie glauben jetzt nicht mehr an die virtuelle Realität? Dann muß ich Ihnen sagen, daß alles, was in diesem Text geschrieben wurde, stimmt. Ihr Leben ist virtuell. Sie leben tatsächlich in einer virtuellen Realität!


Es gibt noch eine Möglichkeit: Ich habe mir alles nur ausgedacht und trotzdem ist was dran.


Sie wissen jetzt gar nicht mehr, worin die Wahrheit besteht? Das war genau mein Ziel: Sie langsam an der Echtheit der Welt zweifeln zu lassen.

(1997, Autor: Carsten Zander , Carsten.Zander@t-online.de)
Echt genial :D
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